Koloniales Erbe im Michel – ein Symposium über Erinnerung und Verantwortung
28. November 2025
Von: Emma Dittler
Masterstudentin Interdisziplinäre Public und Nonprofit Studien

Michel Vorplatz
Fotografiert von: Miguel Ferraz
Vom 23. bis 25. September 2025 luden die Hauptkirche St. Michaelis und das Ökumenewerk der Nordkirche zu einem öffentlichen Symposium unter dem Titel „Koloniales Erbe in Kirchenräumen – Gedenktafel in St. Michaelis“ in den Hamburger Michel ein. An drei Abenden kamen Expert:innen aus Wissenschaft, Kultur, Kirche und Zivilgesellschaft zusammen, um über koloniale Spuren in der Kirche zu sprechen – und darüber, wie eine angemessene und verantwortungsvolle Erinnerungskultur aussehen kann.
Im Zentrum der Veranstaltung stand ein Zeugnis kolonialer Erinnerungskultur: eine Gefallenengedenktafel aus dem Jahr 1913. Sie bildete den Ausgangspunkt des Symposiums und bot Anlass, zentrale Fragen zu diskutieren: Wie kann eine Erinnerungskultur aussehen, die angemessen an die Opfer des Kolonialismus erinnert? Wie kann die Kirche ihrer historischen Verantwortung gerecht werden? Und vor allem: Wie lässt sich erklären, dass eine Tafel, die Kriegsverbrecher ehrt, bis heute im Michel hängt – einem der Wahrzeichen Hamburgs mit großem öffentlichem Interesse? Und wie könnte sie reflektiert historisch eingeordnet und gesellschaftlich kontextualisiert werden? Ist eine kritische Einordnung überhaupt ausreichend oder verlangt die Tafel angesichts ihrer Symbolik nach einer radikaleren Entscheidung?
Um das Denkmal und die damit verbundenen Diskussionen einordnen zu können, ist es entscheidend, die Entstehung, die Intention und den gesellschaftspolitischen Kontext der Tafel kurz zu beleuchten. Nur so lassen sich die ideologischen Botschaften der Tafel, ihre Wirkung auf die damalige Bevölkerung und ihre heutige Bedeutung für Nachfahr:innen der Betroffenen verstehen.
Die Entstehungsgeschichte der Gedenktafel[1]
Betritt man den Michel, fällt sie linker Hand an einer Säule ins Auge: die Gedenktafel mit der Inschrift „Aus Hamburg starben für Kaiser und Reich“, darunter „in China“ und „in Afrika“, gefolgt von den Namen der gefallenen und verschollenen Soldaten. Den Abschluss bildet die Zeile „Ehre ihrem Andenken“.
Diese Tafel entstand auf Erlass Kaiser Wilhelms II., der 1909 dazu aufrief, in den Kirchen der Gefallenen der Kolonialkriege zu gedenken. Ihr gesellschaftspolitischer Hintergrund ist geprägt vom wilhelminischen Militarismus, imperialen Bestrebungen und einem ausgeprägten Nationalismus im Deutschen Reich. Die Gefallenengedenktafeln sollten zur Verankerung des kolonialen Gedankens in der Bevölkerung beitragen und die Identifikation mit den deutschen Kolonien und der Kolonialpolitik stärken. Zugleich sollten sie Mut, Tapferkeit, Opferbereitschaft und die Bereitschaft zur militärischen Verteidigung des Deutschen Reiches vermitteln. Offiziell eingeweiht wurde die Hamburger Tafel am 19. Oktober 1913 zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Geehrt werden auf dieser Tafel 15 hamburgische Kolonialsoldaten, die in den deutschen Kolonialkriegen in China sowie in den damals von der deutschen Kolonialverwaltung so genannten Kolonialgebieten „Deutsch-Ostafrika“ (heutige Gebiete Tansanias, Ruandas und Burundis) und „Deutsch-Südwestafrika“ (heute Namibia) fielen. Trotz der undifferenzierten geografischen Angaben „in China“ und „in Afrika“ lässt sich belegen, dass die Soldaten in den deutschen Kolonialkriegen kämpften, die von extremer asymmetrischer Gewalt geprägt waren – dem sogenannten „Boxerkrieg“ in China 1899–1901, dem Maji-Maji-Krieg 1905–1907 in der damaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ und im Genozid an den Ovaherero und Nama 1904–1908 im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“. Diese Kriege entstanden aus dem Widerstand der kolonisierten Bevölkerungen gegen die gewaltsame deutsche Herrschaft und wurden vom Deutschen Reich mit äußerster Brutalität geführt, um seine imperialen Ansprüche zu sichern. Die auf der Tafel genannten Soldaten meldeten sich, wie damals verbreitet, vermutlich freiwillig für den Militärdienst in den Kolonien – getragen von kolonialen Idealen oder der Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Damit verkörpern die Soldaten auf dieser Tafel ein koloniales Gewaltsystem, das auf Unterdrückung und der gewaltsamen Aufrechterhaltung kolonialer Herrschaft basierte und in Kriegsverbrechen, Massakern und unermesslichem Leid der Zivilbevölkerungen seinen Ausdruck fand.
Zivilgesellschaftliche Kritik und Kontextualisierungsversuche[2]
Seit Beginn der 2000er Jahre regte sich zunehmende Kritik von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Aktivist:innen an dem unkommentierten Gefallenengedenken für Soldaten, die an kolonialen Kriegen und sogar an einem Genozid beteiligt waren. Für viele Nachfahr:innen der Betroffenen und Engagierte aus den Communities steht die Gedenktafel im Michel bis heute sinnbildlich für eine mangelnde politische, öffentliche und kirchliche Anerkennung und ausbleibende Aufarbeitung der Verbrechen des deutschen Kolonialismus.
Ein erster Versuch der Kontextualisierung fand 2013 statt, als eine Gruppe Aktivist:innen um den Berliner Herero-Nachfahren Israel Kaunatjike ergänzende Fotografien der deutschen Kolonialverbrechen an der Tafel anbrachte. Diese Intervention richtete sich gegen eben dieses fortbestehende, unkontextualisierte Ehrendenken, das die Tafel vermittelt. Doch 2016 wurden diese zusätzlichen Tafeln ohne Rücksprache mit den Urheber:innen wieder entfernt – trotz Protesten. Verantwortliche des Michels verwiesen lediglich auf „Informationsflyer zur historischen Einordnung“, das ohnehin geringe öffentliche Interesse an der Tafel und die „EKD-Erklärung zum Völkermord im früheren Deutsch-Südwestafrika“ von 2017. Diese Erklärung stellt ein formelles Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gegenüber den Nachfahr:innen der Opfer des Kolonialkriegs in Namibia dar und umfasst sowohl das Eingeständnis kirchlicher Mitschuld als auch die Bitte um Vergebung und Versöhnung. Dieser Umgang des Michels mit der Problematik offenbarte jedoch eindrücklich das geringe institutionelle Interesse an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und rief anhaltend scharfe Kritik hervor. Von Vertreter:innen der OvaHerero- und Nama-Communities wurde wiederholt stark kritisiert, dass die Gedenktafel die dort genannten Soldaten als Opfer darstelle und damit ihre Rolle als Täter kolonialer Gewalt verdecke. Um aus der Geschichte zu lernen, müsse jedoch den tatsächlichen Opfern gedacht und ihre Perspektive konsequent in den Vordergrund gerückt werden. Zwar betonten Verantwortliche des Michels demgegenüber, die Tafel solle allgemein an alle Opfer von Krieg und Gewalt erinnern, doch diese Deutung widerspricht sowohl der historischen Intention als auch der heutigen Aussage des Denkmals. Tatsächlich handelt es sich nicht um ein Mahnmal für Frieden oder ein universelles Gedenken, sondern um eine Ehrentafel für eine kleine Gruppe namentlich genannter, kriegswilliger Hamburger Kolonialsoldaten – und damit um ein Symbol kolonialer Sinnstiftung und Rechtfertigung.
Inzwischen wurde ein zweiter Kontextualisierungsversuch unternommen und eine neue Ergänzungstafel unterhalb des Denkmals angebracht. Sie weist auf das von deutschen Soldaten begangene Unrecht hin und betont das Bemühen des Kirchengemeinderats des Michels um eine kritische Auseinandersetzung und zeitgemäße Erinnerungskultur. Dennoch bleibt die Wirkung dieser neuen Tafel begrenzt: Das angekündigte Begleitblatt ist nicht im Kirchenraum zugänglich und der Text der neuen Tafel vermag die ideologische Wucht und Aussagekraft des ursprünglichen Denkmals kaum zu brechen. Ohne eine tiefgreifendere, sichtbare Neurahmung der Tafel bleibt der Michel mit dieser Gedenktafel ein kolonialer Erinnerungsort – nicht postkolonial, nicht antikolonial.
Das Symposium
Erster Abend – Podiumsdiskussion zur Gefallenengedenktafel im Michel
An genau diesem Punkt setzte das Symposium an. Der Auftaktabend begann mit einer Begrüßung durch Hauptpastor Alexander Röder, der betonte, dass es bei dieser Veranstaltung darum gehe, neue Impulse für eine Erinnerungskultur zum kolonialen Erbe zu erarbeiten – eine Kultur, die Unrecht anerkennt und Wege zur Aufarbeitung und Versöhnung sucht. Anschließend gab der Historiker Dr. Julian Zur Lage in seinem Impulsvortrag vertiefende Einblicke in die historischen Hintergründe der Hamburger Gedenktafel. Er beleuchtete ihre Entstehungsgeschichte, die kolonialen Bezüge der Stadt Hamburg und die Bedeutung der Tafel im heutigen Diskurs um Erinnerung und Verantwortung. Daran schloss sich eine Podiumsdiskussion mit sechs fachkundigen und perspektivenreichen Gäst:innen unter der Moderation von Aileen Puhlmann, geschäftsführende Vorständin des Lemonaid & Charitea e.V., an.
Das Podium brachte eine Vielzahl von Stimmen und Perspektiven zusammen. Israel Kaunatjike, Nachfahre der Herero und deutscher Herero-Sprecher, berichtete eindrücklich von den traumatischen Erfahrungen seiner eigenen Familie und sprach sich entschieden dafür aus, die Tafel nicht zu tolerieren und aus dem Michel zu entfernen. Ruirui Zhou, Sozialwissenschaftlerin der Universität Hamburg, ergänzte die Diskussion um eine Analyse der Kolonialgewalt auf dem asiatischen Kontinent, einer Kritik weit verbreiteter „China-Bilder“, eurozentrischer Sichtweisen und der Hierarchisierung von Opfern des deutschen Kolonialismus. Isabel Friemann, Ostasienreferentin des Ökumenewerks der Nordkirche, brachte die koloniale Erinnerung in China in den Kontext christlicher Kirchenpraxis und diskutierte noch einmal eindrücklich die Wahrnehmung und Interpretation des sogenannten „Boxerkriegs“. Dr. Jonas Prinzleve, Referent für Dekolonialisierung der Hamburger Behörde für Kultur und Medien, gab der Runde einen Einblick in die Position der Hamburger Senats und der Bürgerschaft und informierte zum Stand der kolonialen Aufarbeitung in Hamburg. Dabei wies er auf die Senatsstrategie von 2024 hin, hob das Engagement zahlreicher dekolonialer Akteur:innen hervor und machte zugleich deutlich, dass weiterhin erheblicher Handlungsbedarf bestehe. Hannimari Jokinen, Kuratorin, Künstlerin und Aktivistin des AK Hamburg Postkolonial, betonte die zentrale Rolle der Zivilgesellschaft für eine kritische Erinnerungskultur, machte aber auch auf die Rückschläge aufmerksam, mit denen Aktivist:innen bei der Aufarbeitung kolonialer Strukturen derzeit konfrontiert sind. Schließlich berichtete der Sozialpädagoge Dr. Dirk Drewelow des Kirchengemeinderats der Hauptkirche St. Michaelis über die Initiative zur aktuellen Kontextualisierungstafel und Aufarbeitungsdebatte. Er räumte ein, dass die Kirche noch viel zu lernen habe und betonte zugleich, dass die Tafel seiner persönlichen Meinung nach in ihrer bisherigen Form nicht im Michel verbleiben dürfe.
Der erste Abend des Symposiums machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Deutschland, Hamburg und der evangelischen Kirche eine zwingende, komplexe und langwierige Aufgabe ist. Zentrale Erkenntnisse der Diskussion zeigten, dass ein erfolgreicher Prozess vor allem auf Miteinander und Zusammenarbeit setzen muss, wobei die Stimmen der Nachfahr:innen der Betroffenen und anderer postkolonialer Communities eine tragende Rolle spielen müssen. Gleichzeitig erfordert ein erfolgreicher Aufarbeitungsprozess Toleranz, Offenheit für unterschiedliche Perspektiven und ein sensibles Vorgehen, das dem Schmerz der Nachfahr:innen Raum gibt. Weiße Beteiligte seien in diesem Prozess dazu aufgerufen, zuzuhören, kritisch zu reflektieren und sich vor allem lernbereit einzubringen. Notwendig ist dementsprechend, bestehende Traditionen und Strukturen kritisch zu hinterfragen und dort, wo es geboten ist, zu überwinden. Dr. Dirk Drewelow machte abschließend deutlich, dass der Kirchengemeinderat final über den Umgang mit der Tafel entscheiden wird und dass die Erkenntnisse und Impulse dieses Symposiums dem Beirat als Handreichung dienen sollen. Den Abschluss des Abends bildete das Versöhnungsgebet „Vater, vergib“ aus Coventry, das symbolisch für die angestrebte Reflexion, Verantwortung und Versöhnung steht.
Zweiter Abend – Kulturelle Ausdrucksformen im Kampf um Erinnerung und Gerechtigkeit
Der zweite Abend des Symposiums widmete sich der Bedeutung von Musik und Literatur als kraftvolle Werkzeuge der kulturellen Erinnerung und des kritischen Reflexionsprozesses im Kontext des kolonialen Erbes. Im Zentrum stand eine Lesung und ein Gespräch mit der politischen Aktivistin, Autorin, Theatermacherin und Referentin für Diversitätsentwicklung Mirrianne Mahn. Mirrianne Mahn, geboren 1989 in Kamerun und mittlerweile in Frankfurt lebend, las Auszüge aus ihrem kürzlich erschienenen Debütroman „ISSA“ (2024). Der Roman erzählt die Geschichten von fünf Schwarzen Frauen, deren Leben mehr als ein Jahrhundert auseinanderliegen, aber durch die gemeinsame Erfahrung kolonialer Ausbeutung und den letztlichen Wunsch nach Selbstbestimmung miteinander verbunden sind. Die Passagen aus „ISSA“ waren emotional, kraftvoll und aufrüttelnd, sie eröffneten vielfältige und intensive Diskussionsstränge und regten die Zuschauer:innen dazu an, über historische und gegenwärtige Machtstrukturen nachzudenken.
Im Mittelpunkt des Gesprächs zwischen der Autorin, Aileen Puhlmann und den Zuschauer:innen standen Fragen nach der Rolle der Kirche in Kamerun, der Ideologie des White Saviorism und der unzureichenden Reflexion kirchlicher Verantwortung für die Gräueltaten des deutschen Kolonialismus. Es wurde erneut deutlich, wie stark koloniale Narrative nach wie vor in vielen gesellschaftlichen Strukturen und Denkmustern verankert sind und dass eine tiefgreifende, kritische Auseinandersetzung notwendig ist, um den Weg zu einer gerechten Erinnerungskultur zu ebnen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs lag auf der Macht der Literatur, insbesondere der Belletristik, bei der Thematisierung und Aufarbeitung kolonialer Verbrechen. Es wurde betont, dass Kunst und Literatur einzigartige Möglichkeiten bieten, subjektive Erfahrungen sichtbar zu machen, emotionale Empathie zu fördern und multiperspektivische Betrachtungen zu ermöglichen. Gerade in der literarischen Verarbeitung von Geschichte liege eine heilende Kraft, die dazu beitragen könne, gesellschaftliche Narrative offen zu legen und zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang wurde auch thematisiert, wie das Sprechen über schwere Themen in der Kunst mit Leichtigkeit und humorvollen Elementen dazu beitragen kann, den Zugang für Betroffene zu erleichtern – ohne die Themen dabei zu verharmlosen oder die Erfahrungen zu marginalisieren. Im Verlauf des Abends wurde zudem erneut deutlich, dass der Prozess der dekolonialen Aufarbeitung nur gelingen kann, wenn unterschiedliche Perspektiven und gleichzeitig existierende Realitäten akzeptiert werden – eine Anerkennung von Vielschichtigkeit und Multiperspektivität. Außerdem machte Mirrianne Mahn deutlich, dass Widerstand ein unverzichtbarer Bestandteil des Kampfes gegen Unterdrückung war und ist: Solange es Unterdrückung gibt, existiert auch Widerstand. Sie betonte, dass die alleinige Erinnerung an die Gräueltaten die Betroffenen in Opferrollen verharren lasse und gleichzeitig den Tätern mehr Raum böte. Deshalb sei es entscheidend, auch die Geschichten des Widerstands sichtbar zu machen und zu würdigen – als aktiven Schritt zur Veränderung.
Das Ensemble AfroGospel Voices unter Leitung von Folarin Omishade begleitete den Abend musikalisch und schuf dabei eine berührende, eindringliche und hoffnungsvolle Atmosphäre im Michel.Ihre kraftvollen Performances ermutigten die Zuhörer:innen, den Prozess der gesellschaftlichen Aufarbeitung und Veränderung weiter voranzutreiben. Insgesamt zeigte der Abend eindrucksvoll, wie kulturelle Ausdrucksformen wie Literatur und Musik nicht nur Erinnerung wachhalten, sondern auch Räume für Reflexion, Heilung und Veränderung schaffen können.
Dritter Abend – Ideen für den zukünftigen Umgang mit der Gedenktafel
Am letzten Abend stand die Frage im Mittelpunkt, wie künftig mit der kolonialen Gedenktafel im Michel umgegangen werden soll. In einem „Worldcafé“ entwickelten die Teilnehmer:innen gemeinsam mit vier Expert:innen konkrete Ideen und Impulse und kamen dabei in einen intensiven, offenen Austausch. An der Station von Ruirui Zhou ging es um koloniale Kontinuitäten in der Gegenwart sowie um das Erkennen und Verlernen tief verankerter kolonialer Muster in Kirche, Gesellschaft und Institutionen. Dr. Mèhèza Kalibani, Kurator für koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart bei der Stiftung Historische Museen Hamburg, arbeitete mit den Anwesenden zu Fragen von Verantwortung und Handlungsspielräumen im Umgang mit kolonialem Erbe und zeigte auf, welche strukturellen Veränderungen notwendig seien, um glaubwürdige Schritte der Aufarbeitung einzuleiten. Hannimari Jokinen widmete sich dem Themenfeld Sprache, Symbole und Macht und beleuchtete eindrücklich die Wirkung von Worten und Symbolik in Erinnerungsorten – und wie subtil, aber wirkungsvoll diese Wahrnehmungen prägen können. Die vierte Station, geleitet von Dr. Julian Zur Lage, befasste sich mit neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens und eröffnete Perspektiven darauf, wie eine zeitgemäße, sensible und inklusive Erinnerungskultur aussehen kann.
Zum Abschluss wurden die Ergebnisse aller Stationen im Plenum zusammengeführt und vorgestellt, wodurch ein vielschichtiges Bild möglicher zukünftiger Gestaltung entstand. Pastor Dr. Christian Wollmann, Direktor des Ökumenewerks der Nordkirche, rundete den Abend ab, indem er die Teilnehmer:innen über die laufenden Initiativen der Nordkirche informierte und die Ambitionen der Kirche für eine verantwortungsvolle, zukunftsorientierte Erinnerungskultur einordnete. Der Abend erwies sich insgesamt als besonders bereichernd, perspektivenreich und lehrreich – ein konzentrierter Arbeitsprozess, der spürbar machte, wie groß das gemeinsame Interesse daran ist, aus der Vergangenheit Verantwortung für die Zukunft abzuleiten.
Impulse für eine kritische Aufarbeitung im Michel
Das Symposium im Michel hat einmal mehr gezeigt: Das koloniale Erbe Deutschlands ist noch immer präsent – sichtbar in Denkmälern, Institutionen und Narrativen, aber auch in der besonderen Verantwortung eines Ortes wie dem Michel, der im Herzen Hamburgs steht und viele Menschen erreicht. Wer ernsthaft erinnern will, muss klar Verantwortung übernehmen, die Perspektiven der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen und Geschichte kritisch einordnen. Kunst, Literatur und gemeinsamer Dialog eröffnen dabei Räume, die Geschichten sichtbar machen und Diskussionen über Macht, Gewalt und Widerstand ermöglichen. Aufarbeitung darf nicht nur theoretisch stattfinden – sie muss politisch, öffentlich und im Austausch geschehen und aktiv erfahrbar sein. Die Erfahrungen dieses Symposiums verdeutlichen, dass Orte wie der Michel eine besondere Chance haben: Sie können Erinnerungskultur sichtbar, kritisch und gerecht gestalten und dadurch nicht nur die Vergangenheit anerkennen, sondern auch Impulse für eine gerechtere Zukunft setzen – für alle, die diesen Ort besuchen und besonders für die, deren Geschichte dort bisher nicht angemessen gewürdigt wird. Nun liegt es am Kirchengemeinderat der Hauptkirche St. Michaelis, die Erkenntnisse des Symposiums aufzugreifen und insbesondere die Forderungen der postkolonialen Zivilgesellschaft sowie der Nachfahr:innen der Betroffenen wegweisend in die weitere Arbeit einzubeziehen.
Quellen:
[1] Vgl. Zur Lage, Julian: „Die koloniale Gefallenengedenktafel in St. Michaelis und ihre Rezeption“, in: Jürgen Zimmerer und Sebastian Todzi (Hrsg.): Hamburg: Tor zur kolonialen Welt – Erinnerungsorte der (post-)kolonialen Globalisierung, Göttingen 2021, S. 477–488.
[2] Ebd.