Decolonize the Bund 2026 in Hamburg: Zwei Tage für Vernetzung, Erinnerung und gemeinsame Perspektiven
21. April 2026
Von: Sonia Octavio
Fachpromotorin Dekolonisierung

Fotografiert von: Levisteria/Eddy Lackmann
Zwei intensive Tage liegen hinter uns. Mit Decolonize the Bund 2026 wurde in Hamburg ein Raum geschaffen, in dem sich Akteur:innen aus unterschiedlichen Städten, Regionen und Arbeitsfeldern begegnen konnten, um über dekoloniale Erinnerungsarbeit, solidarische Praxis und nachhaltige Strukturen ins Gespräch zu kommen. Dabei ging es nicht nur um einen fachlichen Austausch, sondern auch um die Erfahrung, mit Fragen, Herausforderungen und politischen Kämpfen nicht allein zu sein.
Schon in der Eröffnung wurde deutlich, worum es an diesen Tagen gehen sollte: um die Frage, wer sprechen darf, wessen Geschichte erinnert wird und wie Institutionen, Städte und gesellschaftliche Strukturen verändert werden können. Damit stand von Anfang an fest, dass Dekolonisierung hier nicht als abstraktes Konzept verhandelt wurde, sondern als konkrete politische und gesellschaftliche Aufgabe.
Die Moderation rahmte das Treffen als Ort der Begegnung, des gegenseitigen Zuhörens und des gemeinsamen Weiterdenkens. Schon in den ersten Momenten wurde sichtbar, dass Menschen aus verschiedenen Teilen des Bundesgebiets angereist waren, teils allein, teils als Teil größerer Zusammenhänge und Netzwerke. Diese Mischung aus bekannten Gesichtern, neuen Kontakten und unterschiedlichen politischen Perspektiven prägte die Atmosphäre des Treffens von Beginn an.
Ein besonderer Höhepunkt war die Keynote von Jacqueline Zaki Aslan unter dem Titel „Without Community There Is No Liberation“. In ihrem Beitrag verband sie persönliche Familiengeschichte mit grundsätzlichen Fragen von Migration, Arbeit, Verlust, Erinnerung, Heilung und Widerstand. Sie sprach über ihre Eltern, über Erfahrungen der Migration nach Deutschland, über Selbstorganisation und über Community nicht als romantische Idee, sondern als überlebensnotwendige Praxis.
Gerade darin lag die Kraft dieser Keynote: Erinnerung wurde nicht als distanzierter Blick in die Vergangenheit beschrieben, sondern als etwas, das in Körpern, Stimmen, Gesten, Liedern und Alltagspraktiken weiterlebt. Jacqueline Zaki Aslan machte deutlich, dass Erinnerungskultur nicht nur an Gedenkorten, in Archiven oder auf Podien stattfindet, sondern auch in Familiengeschichten, in Trauer, in Fürsorge und in kulturellen Praktiken, die sich gegen Unsichtbarmachung behaupten.
Zugleich war ihre Keynote ein klarer politischer Impuls. Dekolonisierung, so wurde deutlich, kann nicht bei symbolischer Anerkennung stehen bleiben. Sie braucht Räume, Ressourcen, Verbündete und vor allem Strukturen, die auch dann tragen, wenn die politische Stimmung rauer wird. Die zentrale Botschaft, dass es ohne Community keine Befreiung gibt, zog sich wie ein roter Faden durch den weiteren Verlauf der Veranstaltung.
Im ersten Panel zu solidarischer erinnerungspolitischer Praxis wurde dieser Gedanke aus verschiedenen Perspektiven weitergeführt. Diskutiert wurde, wie koloniale Geschichte, diasporische Perspektiven und migrantische Erfahrungen stärker in gesellschaftliche und politische Erinnerungskultur eingebunden werden können. Dabei wurde immer wieder betont, dass Erinnerungspolitik keine neutrale Praxis ist, sondern eng mit Fragen von Macht, Repräsentation, Ressourcen und institutioneller Anerkennung verbunden bleibt.
Die Beiträge machten deutlich, dass es vielerorts bereits wichtige Kämpfe, Initiativen und Fortschritte gibt. Zugleich wurde aber auch benannt, wie oft diese Prozesse an bekannten Grenzen scheitern: an fehlender Finanzierung, mangelnder institutioneller Verankerung, politischen Widerständen und dem Umstand, dass dekoloniale Arbeit häufig begrüßt wird, solange sie symbolisch bleibt, aber auf Skepsis stößt, sobald sie Verteilung von Macht und Entscheidungskompetenz berührt.
Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang die Frage nach der Verantwortung von Ländern und Kommunen. Es wurde deutlich gemacht, dass dekoloniale Erinnerungsarbeit nicht nur von engagierten Einzelpersonen oder Initiativen getragen werden kann, sondern als öffentliche Aufgabe verstanden werden muss. Dazu gehören Räume für Austausch und Konflikt, Veränderungen in Lehrplänen und Schulbüchern, rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen sowie eine Praxis, die koloniale Geschichte nicht als Randnotiz, sondern als Teil deutscher Vergangenheit und Gegenwart begreift.
Auch die Rolle der Zivilgesellschaft wurde eindrücklich hervorgehoben. Politischer Druck, so zeigte das Panel, entsteht nicht von selbst. Er braucht Bündnisse, Beharrlichkeit, Öffentlichkeit und eine gemeinsame Sprache für unterschiedliche Kämpfe. Gerade darin lag eine der stärksten Botschaften des Treffens: dass unterschiedliche politische Felder nicht nebeneinander stehen bleiben dürfen, sondern stärker zusammengedacht werden müssen, um handlungsfähig zu werden.
Am späten Nachmittag rückte ein weiteres Panel die konkrete Praxis dekolonialer Arbeit in unterschiedlichen Städten und Bundesländern in den Mittelpunkt. Vertreter:innen aus Berlin, Rostock, Hannover und Hamburg sprachen aus Verwaltung, Koordinierungsstellen, Kulturarbeit und zivilgesellschaftlicher Organisierung heraus über ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Strategien. Die Diskussion zeigte sehr anschaulich, wie unterschiedlich lokale Kontexte sind und wie sehr dekoloniale Prozesse von politischen Rahmenbedingungen, Ressourcen und institutionellen Möglichkeiten abhängen.
Besonders spannend war dabei die Frage, wie sich Arbeit in Stadtstaaten von jener in Flächenländern unterscheidet. Während in manchen Kontexten Wege zu Verwaltung, Politik oder Förderstrukturen kürzer sind, wurde zugleich deutlich, dass in größeren Flächenländern andere Formen von Reise-, Vermittlungs- und Vernetzungsarbeit notwendig werden. Die Diskussion machte sichtbar, dass es keine einheitliche Formel für dekoloniale Strukturarbeit gibt, sondern dass jede Kommune, jede Stadt und jede Region eigene Bedingungen mitbringt, auf die Antworten gefunden werden müssen.
Ein wiederkehrendes Thema war die Frage nach Wissensvermittlung. Mehrere Beiträge machten deutlich, dass Aufarbeitung immer auch davon abhängt, welches Wissen überhaupt vorliegt, wie tief historische Forschung bereits gegangen ist und welche Orte, Namen und Spuren im öffentlichen Bewusstsein präsent sind. Gleichzeitig wurde betont, dass Wissensvermittlung mehr ist als reine Informationsweitergabe. Sie ist Teil eines politischen Prozesses, in dem ausgehandelt wird, welche Geschichten sichtbar werden und welche Konsequenzen daraus folgen.
Ebenso zentral war die Frage nach Übersetzungsarbeit. In vielen lokalen Prozessen sitzen zivilgesellschaftliche Akteur:innen, Verwaltungsmitarbeitende, Kulturinstitutionen und politische Entscheidungsträger:innen mit sehr unterschiedlichen Sprachen, Erwartungen und Handlungsmöglichkeiten an einem Tisch. Dass dekoloniale Prozesse überhaupt vorankommen, hängt oft davon ab, ob es gelingt, diese Ebenen miteinander ins Gespräch zu bringen, Spannungen auszuhalten und Forderungen so zu vermitteln, dass sie einerseits politisch anschlussfähig bleiben und andererseits ihre kritische Schärfe nicht verlieren.
Gerade hier wurde im Panel deutlich, wie anspruchsvoll die Rolle von Koordinierungsstellen ist. Sie bewegen sich häufig an Schnittstellen, müssen vermitteln, vernetzen, aushandeln, übersetzen und gleichzeitig Position beziehen. Das verlangt nicht nur politisches und fachliches Wissen, sondern auch Geduld, strategisches Handeln und die Fähigkeit, unterschiedliche Erwartungen auszubalancieren, ohne dabei den Kern der dekolonialen Anliegen aus dem Blick zu verlieren.
Zugleich war das Panel von einem realistischen Blick auf Widerstände geprägt. Mehrfach wurde benannt, dass Prozesse ins Stocken geraten, dass Strukturen träge sind und dass politische Rückschritte eine reale Gefahr darstellen. Gerade deshalb wurde die Bedeutung überregionaler Vernetzung hervorgehoben: als Möglichkeit, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen, gemeinsame Forderungen zu entwickeln und sich gegenseitig in Phasen von Stagnation oder Gegenwind zu stärken.
In der Diskussion wurde deutlich, dass solche Vernetzung nicht erst beginnt, wenn alles institutionell abgesichert ist. Vielmehr existieren bereits seit vielen Jahren aktivistische, ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Bündnisse, die diese Arbeit tragen und vorangebracht haben. Die Veranstaltung knüpfte an diese Geschichte an und machte gleichzeitig sichtbar, dass neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung, Politik und Kulturinstitutionen notwendig sind, um aus punktuellen Impulsen tragfähige Strukturen zu entwickeln.
Was die beiden Tage in Hamburg besonders gemacht hat, war die Verbindung aus analytischer Schärfe, persönlicher Erfahrung und praktischer Orientierung. Es wurde nicht nur benannt, was fehlt, sondern auch gezeigt, was bereits entstanden ist: lokale Initiativen, Bündnisse, Koordinierungsstellen, Erinnerungsprojekte, Vermittlungsformate und politische Interventionen. Gerade in dieser Gleichzeitigkeit von Kritik und Aufbau lag ein starkes Moment des Treffens.
Decolonize the Bund 2026 hat damit noch einmal deutlich gemacht, dass dekoloniale Erinnerungsarbeit längst nicht mehr nur ein Feld der Analyse ist. Sie ist eine konkrete Praxis des Organisierens, des Sichtbarmachens, des Aushandelns und des gemeinsamen Ringens um gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse. Sie findet in Städten und Kommunen statt, in Verwaltungen und Museen, in Bildungsräumen und auf der Straße, in Netzwerken und in Communities.
Vor allem aber hat das Treffen gezeigt, wie wichtig Räume sind, in denen Menschen zusammenkommen, Wissen teilen, Differenzen aushalten und gemeinsame Perspektiven entwickeln können. In einer Zeit, in der rechte Angriffe zunehmen und emanzipatorische Kämpfe vielerorts unter Druck geraten, war dieses Zusammenkommen mehr als ein Veranstaltungsformat. Es war auch eine Erinnerung daran, dass solidarische Praxis nicht nebenbei entsteht, sondern aktiv aufgebaut, gepflegt und verteidigt werden muss.